Decision Making: Wenn Stress entscheidet, verliert der Verstand.
- Andreas Bauer

- vor 9 Stunden
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Es gehört zu den freundlichsten Selbsttäuschungen der Moderne, dass wir uns für vernünftige Wesen halten, die Entscheidungen vor allem mit kühlem Kopf treffen. Wir lieben Tabellen, Abwägungen, Pro-und-Contra-Listen. Wir sprechen von Logik, als wäre sie ein neutraler Richter. Und doch weiß jeder, der schon einmal wirklich entscheiden musste, nicht wählen zwischen Vanille- und Schokoladeneis, sondern zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Sicherheit und Aufbruch, dass Entscheidungen anders entstehen: weniger sachlich, weniger geradlinig, weniger berechenbar.
Entscheidungen sind keine Rechenaufgaben. Sie sind innere Aushandlungsprozesse. Der Verstand meldet sich zu Wort, selbstverständlich. Er sortiert, vergleicht, prüft Folgen, denkt das Morgen mit. Er stellt jene Fragen, die uns vor Leichtsinn bewahren sollen: Was kostet mich das? Was verliere ich? Was riskiere ich? Der Verstand ist notwendig, unverzichtbar sogar. Aber er ist nicht souverän. Denn parallel dazu spricht das Gefühl, oft leiser, manchmal hartnäckiger. Es liefert keine Zahlen, aber Bedeutung. Es sagt uns nicht, was objektiv richtig ist, sondern was sich stimmig anfühlt, was Angst macht, was lockt, was inneren Widerstand erzeugt. Gefühle sind kein Störgeräusch im Entscheidungsprozess, sie sind das älteste Orientierungssystem, das wir besitzen. Ohne sie gäbe es keine Prioritäten, keine Werte, keine Richtung, sondern nur Optionen.
Und dann ist da noch die Erfahrung, dieses stille Archiv unseres gelebten Lebens. Erinnerungen an frühere Entscheidungen, an Irrtümer, die schmerzten, an Wagnisse, die sich lohnten. Was wir gern „Bauchgefühl“ nennen, ist häufig nichts Mystisches, sondern verdichtete Erfahrung, ein schneller, unbewusster Abgleich mit dem, was wir schon einmal erlebt haben. Erfahrung beschleunigt Entscheidungen, macht sie effizienter, manchmal klüger, bisweilen auch voreingenommen. Denn auch Erfahrung liebt Gewohnheiten, verteidigt das Bekannte gegen das Neue, selbst dann, wenn das Bekannte längst nicht mehr anschlussfähig ist, weil sich der Rahmen verändert hat.
Decision Making: So entsteht Entscheidung
Im Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Erinnern. Nicht als Entweder-oder, sondern als Sowohl-als-auch. Wer glaubt, Gefühle ausschalten zu müssen, schaltet meist nur das Bewusstsein für sie aus und überlässt ihnen umso mehr Macht im Verborgenen. Unterdrückte Emotionen verschwinden nicht, sie wirken als diffuse Zweifel, als unerklärliche Blockaden, als plötzliche Impulse. Die Idee der rein rationalen Entscheidung ist deshalb nicht nur falsch. Sie blockiert, verstellt den Blick und kann bisweilen gefährlich sein.
Besonders deutlich zeigt sich das, wenn Stress die Bühne betritt. Stress ist kein bloßes Gefühl von Eile, er ist ein biologischer Zustand. Der Körper schaltet auf Alarm, Hormone fluten das System, das Nervensystem priorisiert Überleben vor Differenzierung. Was evolutionär sinnvoll ist, schnelle Reaktion bei Gefahr, wird im Alltag oft zur Quelle schlechter Entscheidungen. Der Blick verengt sich. Der Horizont schrumpft. Aus vielen Möglichkeiten werden wenige, aus Nuancen werden Extreme. Man sieht nicht mehr das Ganze, sondern nur noch das Dringliche, nicht mehr das Wichtige, sondern nur noch das Lauteste. Stress macht Entscheidungen kleiner.
Zugleich wächst die Macht der Emotionen, vor allem jener, die mit Bedrohung assoziiert sind. Angst wird lauter, Risiken erscheinen überdimensioniert oder, paradoxerweise, belanglos. Manche Menschen fliehen unter Druck in Übervorsicht, andere in Trotz und Übermut. Beides sind Kinder desselben Zustands. Und fast immer lockt das Gewohnte. Bekanntes fühlt sich sicherer an als Neues, selbst wenn es objektiv unpassend ist. Stress konserviert Muster. Er drängt uns zurück in das, was wir schon kennen, nicht unbedingt in das, was wir wirklich wollen.
Nicht nur wie wir entscheiden, sondern in welchem Zustand, bestimmt die Qualität unserer Wahl. Ein überreiztes Nervensystem produziert andere Ergebnisse als ein reguliertes. Ein erschöpfter Mensch wägt anders als ein innerlich ruhiger. Klarheit ist nicht nur eine Frage der Intelligenz, sondern auch der inneren Verfassung.
Ein kleiner Ausblick
Hier entfaltet etwas so Einfaches wie der Atem eine erstaunliche Bedeutung. Bewusstes Atmen mit Breathwork kann das Nervensystem beruhigen, den Stresspegel senken, den inneren Lärm dämpfen. Und wer versteht, wie Gedanken, Gefühle, Körperzustände und äußere Einflüsse zusammenwirken, gewinnt Abstand zu automatischen Reaktionen. Abstand aber ist die Voraussetzung für Freiheit. Bessere Entscheidungen entstehen, wenn wir nicht nur Optionen klären, sondern auch uns selbst regulieren und die inneren wie äußeren Entscheidungsprozesse verstehen.
Auf die äußeren Entscheidungsprozesse, systemische Abhängigkeiten und den bewussten Umgang mit diesen, werfe ich in meinem nächsten Artikel einen ausführlichen Blick. So entsteht Stück für Stück ein ganzheitliches Bild zum Decision Making in der Führungsarbeit.
Arbeite an Deiner persönlichen Entscheidungskompetenz



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