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Geh mir weg mit Achtsamkeit!


Kaum ein Begriff ist im Führungskontext so präsent und zugleich so entwertet wie Achtsamkeit. Sie hängt in Leitbildern, taucht in Trainings auf, wird in Apps verpackt und in Pausenräume verbannt. Und doch bleibt der Eindruck: Viel Aufmerksamkeit, wenig Wirkung. Vor allem dort, wo Entscheidungen unter Druck getroffen werden.

Das Problem liegt nicht in der Idee, sondern in ihrer Entschärfung. Achtsamkeit ist zur freundlichen Begleitmusik geworden, nicht zur wirksamen Infrastruktur von Führung. Breathwork und Selbstregulation zielen auf etwas anderes. Sie sind keine nette Nebensächlichkeit. Sie sind notwendig für wirksame Führung.


Führung unter Daueraktivierung

Der Alltag vieler Führungskräfte ist geprägt von permanenter Anspannung. Termine ohne Übergang, Gespräche ohne Verarbeitung, Entscheidungen ohne Pause. Der Körper läuft im Hintergrund auf Hochtouren, während der Kopf versucht, souverän zu bleiben.

Diese Daueraktivierung bleibt nicht folgenlos. Sie verengt die Wahrnehmung, beschleunigt Urteile, reduziert Ambivalenztoleranz. Führungskräfte entscheiden mehr und schneller, aber nicht, weil sie besser verstehen, sondern weil sie weniger sehen. Entscheidungen fallen schneller, aber nicht unbedingt freier. In dieser Lage wird Achtsamkeit oft als Beruhigungsmittel missverstanden. Fünf Minuten atmen, dann weiter wie zuvor. Das greift zu kurz.


Atem als Steuerungsinstrument

Breathwork hat mit Wohlfühlen wenig zu tun. Sein Wert liegt nicht in der Entspannung, sondern in der Regulation. Der Atem ermöglicht ein direktes Einwirken auf das autonome Nervensystem. Wer ihn verändert, verändert seinen inneren Zustand, spürbar, messbar, wirksam.

Für Führung bedeutet das: Der Atem entscheidet mit, ob eine Situation als Bedrohung oder als Gestaltungsraum erlebt wird. Ob Kritik gehört oder abgewehrt wird. Ob Unsicherheit ausgehalten oder vorschnell aufgelöst wird. Somit schafft die Voraussetzungen für belastbare Entscheidungen.

 

Selbstregulation statt Selbstoptimierung

In der Achtsamkeits-Inflation liegt eine subtile Gefahr: die Individualisierung struktureller Überforderung. Wer nicht klarkommt, soll besser meditieren und sein Mindset ändern. Wer unter Druck steht, achtsamer sein. Selbstregulation wird so zur moralischen Pflicht.

Ein ernsthafter Blick auf Selbstregulation meint etwas anderes. Er fragt nicht, wie Führungskräfte noch leistungsfähiger werden, sondern wie sie handlungsfähig bleiben. Nicht im Idealzustand, sondern im realen Alltag.

Selbstregulation ist die Fähigkeit, innere Zustände zu erkennen, ohne ihnen sofort folgen zu müssen. Sie erlaubt es, Spannung zu halten, statt sie reflexhaft zu beenden. Genau dort entscheidet sich Führung.


Was sich wirklich lohnt, in den Alltag einzubauen

Es sind nicht die großen Rituale, die wirken, sondern kleine, strukturelle Verschiebungen:


  • Übergänge bewusst gestalten: Ein paar Atemzüge zwischen zwei Terminen reichen manchmal aus.

  • Vor Entscheidungen regulieren, nicht danach: Nicht reflektieren, wenn alles vorbei ist, sondern den Zustand klären, bevor entschieden wird.

  • Körperliche Signale ernst nehmen: Enge, Hitze, Atemnot sind keine Störungen, sondern Informationen.

  • Tempo variieren dürfen: Selbstregulation heißt auch, nicht jede Entscheidung im gleichen inneren Zustand zu treffen.


Diese Praktiken sind unspektakulär. Aber sie greifen dort, wo Führung real stattfindet: im Moment.


Wirksame Führung ist nicht voraussetzungslos

Führung wird gern als Frage von Haltung, Werten und Klarheit beschrieben. Selten als Frage von Atem, Muskeltonus und innerer Aktivierung. Und doch entscheidet genau das, wie Haltung gelebt wird, wie Werte greifen und wie klar Klarheit wirklich ist.

Breathwork ist kein Gegenentwurf zur Rationalität. Es ist ihre Voraussetzung. Wer nicht reguliert ist, denkt nicht schlechter, er denkt enger. Und Enge ist ein schlechter Ratgeber in komplexen Situationen.

Vielleicht ist es Zeit, Achtsamkeit wieder ernst zu nehmen. Nicht als Wohlfühlangebot, sondern als Führungsarbeit. Dort, wo der Atem tiefer wird, wird auch Entscheidung weiter. Und genau das braucht Führung heute – nicht mehr Ruhe, sondern mehr Raum.



Ein erster Schritt: Unser Monday Morning Breathe Up

 
 
 

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