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Die Macht der Prämissen bei Entscheidungen.

Wer entscheidet eigentlich, wie entscheiden wird?


Gebäudestruktur Stahl


Organisationen lieben die Analyse. Wenn eine Entscheidung schwerfällt, wenn Projekte stocken oder Strategien unklar werden, ruft man nach mehr Daten, mehr Studien, mehr Workshops. Es wird gerechnet, bewertet, diskutiert. Die Hoffnung: Wenn man nur gründlich genug analysiert, wird die richtige Entscheidung schon sichtbar werden. Doch die Wirklichkeit von Organisationen ist widerspenstiger.


Der Soziologe Niklas Luhmann hat diese Wirklichkeit schon vor Jahrzehnten präzise beschrieben. In seinem Buch Zweckbegriff und Systemrationalität formuliert er einen Satz, der bis heute wie ein leiser Einspruch gegen das Analyse-Ideal moderner Organisationen wirkt:


„Zwecke erklären Entscheidungen nicht, sie sind selbst Resultat von Entscheidungen.“


Dieser Satz verschiebt den Blick. Er rückt nicht die Entscheidung in den Mittelpunkt, sondern die Bedingungen, unter denen Entscheidungen entstehen.

 

Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum

Organisationen entscheiden nämlich nicht im luftleeren Raum. Sie entscheiden innerhalb von Strukturen, Regeln und Rollen. Luhmann nennt diese Strukturen Entscheidungsprämissen.

Das sind zum Beispiel Programme: Strategien, Budgetlogiken, Zielsysteme. Das sind Kommunikationswege: Hierarchien, Freigabeprozesse, Zuständigkeiten. Und das ist Personal: Wer welche Rolle innehat, wer entscheiden darf und wessen Stimme Gewicht hat.

Diese Prämissen wirken leise, aber kraftvoll. Sie bestimmen, welche Entscheidungen plausibel erscheinen und welche gar nicht erst ernsthaft in Betracht gezogen werden.

 

Wenn Strukturen Innovation verhindern

Man kann das in vielen Unternehmen beobachten. Da wird über Innovation gesprochen, während Budgetregeln jedes Risiko vermeiden. Da fordert man Geschwindigkeit, während Entscheidungswege durch mehrere Hierarchiestufen führen. Da ruft man nach neuen Ideen, während Schlüsselrollen immer wieder mit ähnlichen Profilen besetzt werden. In solchen Situationen hilft auch der hundertste Workshop nur begrenzt.

 

Warum Workshops und Entscheidungsrunden selten reichen

Workshops, Entscheidungsrunden und Analysen sind punktuelle Interventionen. Sie erzeugen Bewegung, manchmal sogar Enthusiasmus. Doch Organisationen besitzen eine eigentümliche Fähigkeit: Sie absorbieren solche Interventionen und ordnen sie in ihre bestehenden Strukturen ein.

Was nicht zu den Prämissen passt, versickert.

Das ist kein Zeichen von bösem Willen. Es ist ein systemischer Mechanismus. Organisationen stabilisieren sich über ihre Entscheidungsprämissen. Sie reproduzieren damit ihre eigene Entscheidungslogik.

 

Die unbequeme Frage nach den Entscheidungsprämissen

Deshalb stellt sich eine unbequemere Frage: Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass zu wenig analysiert wird. Vielleicht liegt es darin, dass zu selten über die Prämissen des Entscheidens nachgedacht wird.


Wer wirklich andere Entscheidungen möchte, muss die Strukturen verändern, die Entscheidungen wahrscheinlich machen. Das kann bedeuten, Programme zu überdenken: Welche Ziele setzen wir eigentlich – und welche schließen wir damit aus? Es kann bedeuten, Kommunikationswege zu verändern: Wer darf entscheiden, und wer bleibt außen vor? Und es kann bedeuten, Personalentscheidungen anders zu treffen: Welche Perspektiven prägen die Organisation dauerhaft?

 

Führung heißt, Entscheidungsbedingungen zu gestalten

Vor allem aber bedeutet es, diese Prämissen regelmäßig zu reflektieren. Denn Organisationen verändern sich schneller als ihre Entscheidungsstrukturen. Was gestern sinnvoll war, kann heute zur Bremse werden.


Führung besteht deshalb nicht nur darin, Entscheidungen zu treffen. Sie besteht auch darin, die Bedingungen zu gestalten, unter denen entschieden wird. Das ist weniger spektakulär als eine große Strategierunde. Aber oft wirkungsvoller. Denn Organisationen entscheiden selten so, wie sie es sich vornehmen. Sie entscheiden so, wie ihre Strukturen es wahrscheinlich machen.


Wer also die Richtung von Entscheidungen verändern will, sollte nicht nur nach besseren Analysen suchen. Er sollte den Mut haben, die Prämissen zu überprüfen, die diese Entscheidungen still und beharrlich lenken.

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