Raus aus der Sofort-Falle!
- synetz-cc
- 29. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Ausgabe 1/2026 des LinkedIn-Newsletter "Zwischen zwei Atemzügen"
In den vergangenen Jahren ist mir in meiner Arbeit als Berater und Coach immer wieder dasselbe Muster begegnet: Menschen treffen Entscheidung oftmals schnell und situativ und sind dann lange damit beschäftigt, die Auswirkungen ihrer Entscheidung wieder einzufangen. Wenn ich danach frage, was an einer schnellen Entscheidung so reizvoll erschien, dann heißt es oft: "Ich wollte es schnell aus dem Kopf kriegen" oder "Diese Hängepartien strengen mich wahnsinnig an". Eine schnelle Entscheidung reduziert also möglichst schnell die innere Spannung. Kurzfristig ein Gewinn, langfristig treffen wir so viele Entscheidungen mit ungewollten Nebenwirkungen. Das ist zutiefst menschlich.
Der Neuropsychologe Klaus Grawe beschrieb mit seinem Konzept der Konsistenz beziehungsweise Kohärenz eines unserer zentralen psychischen Grundbedürfnisse: Der Mensch strebt nach innerer Stimmigkeit. Nach einem Zustand, in dem Wahrnehmung, Gedanken, Gefühle und Handlungen zusammenpassen.
Unsicherheit dagegen erzeugt Spannung, sie verbraucht Energie und kostet mentale Ressourcen. Unser Gehirn versucht deshalb permanent, Ordnung herzustellen. Es liebt klare Zuordnungen, schnelle Erklärungen und eindeutige Entscheidungen, selbst dann, wenn sie vorschnell oder falsch sind. In einem Zustand permanenter Reizdichte verstärkt sich dieses Muster noch. Nachrichten in Echtzeit, Dauerkommunikation, soziale Vergleichbarkeit, Krisenmeldungen, KI-beschleunigte Arbeitswelten und nahezu ununterbrochene Kontextwechsel. Das Nervensystem reagiert darauf mit dem Wunsch nach möglichst schneller Kohärenz.
Wir erleben das überall. Unternehmen starten hektische Transformationen, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Führungskräfte treffen vorschnelle Entscheidungen, weil Nicht-Entscheiden unerträglich wirkt. Teams vereinfachen Komplexität zu klaren Narrativen. Öffentliche Debatten kippen immer schneller in einfache Lagerlogiken.
Offene mentale Prozesse kosten Energie. Das Gehirn versucht deshalb, Ambivalenz möglichst schnell zu reduzieren. In der Psychologie spricht man auch vom Bedürfnis nach cognitive closure, dem Wunsch, einen offenen Zustand endlich abschließen zu können.
Unter Stress reduzieren wir Komplexität oft zu früh, obwohl es vielleicht besser wäre, die Unsicherheit noch ein wenig auszuhalten, ohne sie sofort beseitigen zu müssen. Das gibt uns Gelegenheit, das Problem in seiner Viel-Dimensionalität zu begreifen, Perspektiven und Erkenntnisse zu integrieren und damit zu einer tragfähigeren Entscheidung zu kommen.
Um aus diesem ungünstigen Muster heraustreten zu können, müssen wir uns wieder länger in einem Raum aufhalten, der zwischen Ereignis und Reaktion liegt. Ich nenne ihn den Möglichkeits-Raum. In diesem Möglichkeits-Raum kann echte Urteilskraft entstehen.
Wie dieses Verweilen im Möglichkeits-Raum gelingen kann, hängt davon ab, an welcher Stelle wir uns besser regulieren können: Kopf oder Körper. Hier sollte dann auch die Strategie ansetzen, die Reiz und Reaktion, Anfrage und Entscheidung möglichst voneinander trennt.
Manchmal helfen bereist ein paar Reflexionsfragen, bevor man reagiert. Das funktioniert für Menschen, die eher im Kopf unterwegs sind. Manchmal braucht es aber auch den körperlichen Zugriff über die Atmung oder beides kombiniert. Entscheidend ist, diesen Punkt zwischen Reiz und Reaktion zu erwischen, an dem das bewusste Innehalten noch möglich ist und sich in diesem Möglichkeits-Raum ein wenig aufzuhalten, den Schwebezustand vielleicht sogar kurz zu genießen.
Für die Toolbox
Eine kleiner Übung die helfen kann, im Möglichkeitsraum zu bleiben, ist die folgende: Ab auf die Stuhlkante und bequem aufrecht hinsetzen.
Dann 4 Sekunden einatmen, die natürliche Atempause zum Innehalten nutzen (also nicht hecheln) und dann 8 Sekunden ausatmen. Das ganze 10 mal wiederholen. Dazu kann man sich noch ein kurzes Mantra überlegen, z.B. „Ich muss das jetzt nicht entscheiden. Es passiert nichts Schlimmes, wenn ich mir Zeit lasse.“
Die verlängerte Ausatmung aktiviert tendenziell den parasympathischen Teil des Nervensystems und senkt die physiologische Alarmbereitschaft. Das Mantra verstärkt oft die Wirkung der Atmung, weil Ihr die Inkongruenz anerkennt, statt gegen sie anzukämpfen. Probiert es gerne mal aus!
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