Müssen wir wirklich alle Freunde sein?

Tragfähige Beziehungen in Teams



Medien von wix.com: In einem Meeting


Als systemischer Team-Coach werde ich in Erstgesprächen mit potenziellen Kund*innen oder auf Netzwerkveranstaltungen oft mit einem Verständnis meiner Arbeit konfrontiert, dass mich unzufrieden macht! Meine Arbeit wird dabei nicht selten mit reinen Wohlfühl-Events gleichgesetzt. Man erzählt mir dann von Workshops in denen lustige Spiele gespielt, Dinge gebaut oder gemeinsam geklettert wurde. Das war nett. Mal was für die Stimmung im Team getan.


Dieses Verständnis von Team-Coaching als Harmonie-Übungen, als moderative Begleitung an einem netten Tag mit dem Team – das ist mir zu wenig. Es mag Anlässe geben, an denen ein Team genau solch ein Szenario braucht. In der Regel reicht das aber nicht, um ein Team weiterzuentwickeln. Aber woher kommt dieses sehr reduzierte Verständnis meiner Arbeit? Vieles davon scheint im Wort systemisch begründet. Frage ich Kund*innen bei solchen Gelegenheiten, was sie unter systemisch verstehen, wird dieser Begriff meist mit guten Beziehungen, Harmonie und Wohlfühloase gleichgesetzt. Einige meiner Berater-Kolleg*innen scheinen diese Interpretation auch nicht zu hinterfragen. Sie bestätigen diese und richten ihre Workshops danach aus – Wohlfühlveranstaltungen eben.


Im Folgenden möchte ich nun mein Verständnis des systemischen Ansatzes anhand von 5 Annahmen darstellen. Dieses Verständnis ist Grundlage meiner Team-Coachings und meiner New Team Performance Journey:


  1. Um die Leistungsfähigkeit eines Teams zu verbessern, reicht es nicht, auf die einzelnen Teammitglieder und ihre Kompetenzen und Profile zu schauen. Mindestens genauso wichtig sind die Beziehungen zwischen den Teammitgliedern. Die Führungskraft zähle ich hier zu den Teammitgliedern. Also ja, systemisch heißt, in Zusammenhängen und Beziehungen denken!

  2. Teams sind Zweckgemeinschaften. So unromantisch das klingt, sind sie, anders als Freundeskreise, Familien oder Glaubensgemeinschaften, auf einen bestimmten Sinn und Zweck hin zusammengesetzt worden. Die Beziehungen im Team müssen also auf diesen Sinn und Zweck hin ausgerichtet sein.

  3. Harmonie kann die Leistungsfähigkeit eines Teams deutlich verringern, wenn sie als Selbstzweck verstanden wird. Gute Beziehungen in Teams sind nicht konfliktfrei, sondern konfliktfähig. Teams müssen in der Lage sein, Konflikte miteinander auszutragen und zu lösen. In einer Welt die zunehmend dynamischer, interdependenter und widersprüchlicher wird, setzt Handlungs- und Entscheidungsfähig als Team auch Konfliktfähigkeit voraus.

  4. Konfliktfähigkeit bedeutet die Bereitschaft, mit einer eigenen, abweichenden Meinung sichtbar zu werden, Ideen und Vorschläge anderer zu challengen, eigene unfertige Ideen einem Feedback auszusetzen, Fehler und Fehlentwicklungen frühest möglich anzusprechen. All das zeichnet leistungsstarke Teams in der VUKA-Welt aus. Voraussetzung dafür ist ein Gefühl der psychologischen Sicherheit. Teammitglieder wollen nicht die Gefahr von Abwertungen, persönlichen Verletzungen oder anderen Nachteilen in Kauf nehmen müssen, wenn sie sichtbar werden.

  5. Jedes Team sollte seinen Sinn und Zweck kennen und immer wieder in den Mittelpunkt seiner Teamentwicklungsmaßnahmen stellen. Er ist Orientierungspunkt und Prüfkriterium für alle Maßnahmen, die der Entwicklung des Teams dienen sollen. Nur wenn diese Maßnahmen sich am Sinn und Zweck des Teams orientieren, laufen sie nicht Gefahr, zum Selbstzweck zu werden.


Funktionsfähige Beziehungen in Teams sind nicht voraussetzungslos und sie ergeben sich auch nicht einfach so. Sie müssen bewusst gestaltet und immer wieder erneuert werden. Als Coach arbeite ich mit den Teams in Workshops oder auf meiner New Team Performance Journey daran, die Beziehungen so zu gestalten, dass sie dem Team helfen, leistungsstark und selbstbewusst in einer sich stetig verändernden Arbeitswelt zu agieren. Denn ich bin überzeugt, dass Teams ihr volles Potenzial nur dann ausschöpfen können, wenn die Beziehungen das zulassen. Und die Beziehungen im Team sind es auch, die das Potenzial der einzelnen Teammitglieder wachsen lassen oder es beschneiden. Wenn wir im Workshop dabei Spaß haben, prima! Müssen wir einmal ernster werden oder an schwierige Themen ran, auch gut. Was immer das Team weiterbringt!


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